Lichtlounge

Eine Bloggerin auf der Suche
nach dem schönsten Tageslicht

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Nachts sind alle Katzen grau

Nachts sind alle Katzen grau. Die Redensart kennt man. Wir sagen es oft, wenn wir damit ausdrücken möchten, dass sich im Dunkeln vieles gleicht. Dass wir über bestimmte Mängel hinwegsehen können. Bei Nacht verwischen Unterschiede. Sie werden gleichwertig – oder gleichgültig.  

Und ist es in unserem täglichen Social Media Strudel nicht genauso? Nehmen wir Instagram. Eine Plattform, bei der es vor allem um den Foto-Content geht. Den Text unter den Bildern lesen wir erst, wenn das Bild uns in irgendeiner Art und Weise berührt oder gefangen hat. Und dann lesen wir ihn meist nicht ganz. Der Entdecke-Feed ist ja sowieso ganz ohne Text aufgebaut. Wir werden regelrecht einer Bilderflut ausgesetzt.  

Ich erwische mich immer wieder dabei, wie ich fast schon blind herunterscrolle. Ich bin nicht auf der Suche. Ich lenke mich nur ab. Scrolle immer weiter – und plötzlich: Da ist es. Dieses Bild hat mich gefangen. Ich öffne es, sehe es mir an, verbinde vielleicht irgendeine Emotion damit und möglicherweise bekommt es auch einen Like von mir.  

Doch dafür müssen Content Creator mittlerweile schon einige Register ziehen. Um nicht in der Bilderwand unterzugehen, werden die Fotos immer aufwändiger bearbeitet. Hier wird die Helligkeit angepasst, dort der Kontrast. Das Hautbild wird geebnet, Sommersprossen retuschiert oder kunstvoll hervorgehoben. Schönheitsideale bedient. Farbstimmungen verändert. 

Die vorhandenen Instagram-Filter reichen schon lange nicht mehr aus. Unsere Ansprüche wachsen mit unserer Sehgewohnheit. Und Content, der unserer Sehgewohnheit nicht mehr gerecht wird – geht unter. Er verschwindet in der Dunkelheit. Wird grau. Nachts sind alle Katzen grau.

Wir sind gelangweilt. Obwohl wir so ein Überangebot haben. Wie wäre es denn, wenn wir uns – wenigstens ein bisschen – von unserem Smartphone lösen? Und uns Dinge in der Realität ansehen? Bei Tageslicht. Wie sie wirklich vor uns stehen. Ich versuche es immer wieder. Während ich zu meinem Auto laufe, beobachte ich wie sich die Bäume im Wind bewegen. Doch nicht nur die Bewegung hat es mir angetan, auch die Farben. Wann haben wir zuletzt ein saftiges Grün in der Abendsonne betrachtet? Wann überhaupt das warme und feurige Farbspektrum beachtet, das uns die untergehende Sonne präsentiert? Wann das leuchtende Weiß der fluffigen Wolken am Himmel bewundert?  

Ich könnte ewig so weiter machen. Das Orangerot meiner Chucks, das tiefe Blau meiner neuen Jeans. Der kleine – hoffentlich nur für mich sichtbare – Kaffeefleck auf meiner weißen Bluse. Und was macht all diese Facetten sichtbar? Ganz ohne Filter? Richtig –Tageslicht. Mein klares Ziel: Die Welt öfter durch den spektakulärsten aller Filter sehen: Tageslicht. Denn bei Tageslicht sind eben nicht alle Katzen grau.