Lichtlounge

Eine Bloggerin auf der Suche
nach dem schönsten Tageslicht

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Der eisige Kampf ums Überleben

Wusstet ihr schon, dass “The Revenant – Der Rückkehrer” völlig ohne künstliches Licht gedreht wurde? Also tatsächlich einzig und allein mit dem vorhandenen Tageslicht? Klingt nicht ganz so spektakulär? Ich finde schon. Denn diese Bedingung des Regisseurs Alejandro Gonzáles Iñárritu zwang eine ganze Filmcrew dazu, sämtliche Szenen in einem Zeitfenster von nur zwei Stunden pro Tag zu drehen. Und zwar in der eisigen Wildnis bei minus 25 Grad.

Härter hätten die Bedingungen für die Schauspieler und die gesamte Crew nicht sein können. Allein das Equipment durch Schnee und Eis zu den Drehorten zu befördern, muss ein unvorstellbarer Kraft- und Organisationsakt gewesen sein. Kameras froren ein und konnten nicht mehr von einer Einstellung in die nächste bewegt werden. Schauspieler kämpften mit Unterkühlung und gefrorenen Wimpern und Bärten. An manchen Tagen schwand das Tageslicht so rasant, dass gedrehte Szenen am nächsten Tag noch einmal gedreht werden mussten.

"Genau dieses Licht zur richtigen Zeit festzuhalten war ein Privileg, ein großer Luxus. So konnten wir die Schönheit dieser Landschaft bis zum Letzten ausschöpfen."
Regisseur Alejandro Gonzáles Iñárritu in die ZEIT.

Faszinierend, wie die Natur in dem Drama nicht mehr nur Schauplatz oder Setting ist. Nein, sie etabliert sich zu einer eigenen Figur, zu einem der Antagonisten Hugh Glass‘. Die Kälte, unter der Glass während seiner gesamten Reise zurück in die Zivilisation leidet, wird nicht nur durch den meterhohen Schnee und das Eis transportiert, vor allem das Licht spielt eine zentrale Rolle.

Wir alle kennen es doch, wenn wir aus dem Fenster sehen und allein an dem trüben Himmel erahnen können, wie kalt es draußen vermutlich ist. Ein tolles Selfie oder überhaupt ein Foto bei diesen Lichtverhältnissen zu machen, scheint dabei unmöglich. Kein Wunder, dass – vor allem auch bei Film – immer auf künstliche Beleuchtung gesetzt wird.

Doch nicht hier. Der Film wird von dem einzigartigen Tageslicht der rauen Wildnis bestimmt. Es ist weiß und hell, gleichzeitig aber auch immer etwas diesig und sieht einfach nie warm aus. Oft schwingt ein bläulicher Unterton mit. Ich erinnere mich genau daran, dass ich, als ich den Film das erste Mal im Kino gesehen habe, gefroren habe. Immer wieder liefen mir kalte Schauer über Arme und Rücken.

Iñárritu hätte keinen eindrucksvolleren Weg wählen können, um die Härte und Schönheit der Natur einzufangen. Während einer Szene, in der Leonardo DiCaprio alias Hugh Glass sich über den vereisten Waldboden schleppt, wird das Tageslicht immer weniger. Sofort macht sich Bedrückung in mir breit. Bei diesem schwindenden Licht erhöht sich fast sekündlich meine Erwartung einer weiteren lebensgefährlichen Situation.

“Film besteht aus Licht und Zeit. Das Licht bringt die Dinge zum Existieren, enthüllt sie. Bei diesem Film war das anders, das Licht selbst wurde zur Offenbarung.”
Regisseur Alejandro Gonzáles Iñárritu in die ZEIT.

Auch die wechselnden Lichtverhältnisse zwischen Szenen, die außerhalb, inmitten der Wälder, oder auf Bergen, herrschen, geben dieser filmischen Landschaftsmalerei ihren unvergleichlichen Charakter. Jede Szene ist in eisiges und doch wunderschönes Licht getaucht. Jeder Sonnenstrahl, der sich durch die Wälder kämpft, birgt ein wenig Hoffnung. Hoffnung auf Wärme, auf Sicht, auf Zivilisation. Und all das ohne die Unterstützung von künstlichem Licht – einer völlig normalen Filmpraktik.

Ich habe nach anderen Filmen gesucht, die nur mit vorhandenem Tageslicht und ohne künstliches Licht gedreht wurden. Ich habe keine gefunden. Ich würde also sagen: ganz schön spektakulär.